Nino Haratischwili: Was ist Georgien?

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Noch erscheint einem die Frankfurter Buchmesse 2018 weit weg, doch nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse. Georgien ist dieses Jahr Ehrengast, ein Staat, dass für einige Jahrzehnte lediglich als Teil der Sowjetunion galt, ansonsten war es von der politischen Landkarte verschwunden. In der Weltpolitik spielt der Staat nur eine untergeordnete Rolle, deshalb sowie aus anderen Gründen kennt man kaum diese Region. Die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili versucht sich in ihrem Essay ihrem Land zu nähern, zugleich bringt sie uns deutschen Lesern Georgien näher. Dabei schont sie sich nicht, benennt die schönen Seiten des Landes aber auch seine Schattenseiten. Mit warmen, herzlichen Worten beschreibt sie ihr Land, umkreist es mehrmals, um dann zum Mittelpunkt vorzustoßen.

– read MaryRead –

Was ist Georgien?

Ein Erklärungsversuch der georgischen Autorin Nino Haratischwili

Neulich sprach mich ein Freund, der zum ersten Mal Georgien besuchte, auf Qarlis Deda – Mutter Georgien – an. Dies ist eine, man muss sagen, nicht sonderlich schöne architektonische Perle in meiner Geburtsstadt Tiflis, eine Statue aus dem Jahr 1958, damals zum 1500-jährigen Stadtjubiläum errichtet. Es handelt sich dabei um eine sehr sozialistische und tüchtig wirkende Frau, die in der einen Hand eine Weinschale und in der anderen Hand ein Schwert hält. Ich erklärte ihm, dies spiegele die symbolische Haltung der Georgier den Fremden gegenüber wider: Wer als Gast kommt, den empfängt man mit Wein, und dem Feind begegnet man halt mit einem Schwert. Daraufhin lachte er und meinte, das Land habe eine durchaus ausgeprägte Vorliebe für alles Extreme, die Zwischentöne seien nicht allzu beliebt. Ich musste ihm recht geben.

georgische Schriftstellerin, schwarz-weiß Foto

Nino Haratischwili / © Frankfurter Buchmesse

Zeit meines Lebens habe ich mich an diesen Extremen abgearbeitet. Ich habe mich immer und immer wieder darüber aufgeregt, dass uns hier die goldene Mitte so sehr fehle. Ich habe mich gewundert und geärgert, wie es denn sein könnte, dass Orient und Okzident, die Tradition und Moderne, die Vergangenheit und Zukunft, das unendlich Liebevolle und ätzend Nervige, das selbstvergessen Impulsive und stur Zielstrebige, das Weiche und das Harte, das Bornierte und das Suchende, das Soziale und das Egozentrische, das Urige und das Trendige, das Regressive und das Zukunftsweisende, das Patriarchale und das Matriarchale, das blind Patriotische und das neugierig Weltoffene – wie all das in diesem kleinen Land koexistieren konnte, ohne ein einziges Chaos entstehen zu lassen. Ich habe nicht selten in einer Minute über den Aberglauben geschimpft und mich in der nächsten in die Logik eines Menschen verliebt, ich habe mich über die regressiven Strukturen der orthodoxen Kirche aufgeregt und habe mit Verzückung vor einer Kirche aus dem fünften Jahrhundert gestanden, ich habe über den wilden, chaotischen Verkehr den Kopf geschüttelt und habe mich blind in die Hände eines Bergführers begeben, ich habe über die Unpünktlichkeit geschimpft und habe es genossen, mir, beim Genießen (einer Mahlzeit, eines Weins, eines Augenblicks) so viel Zeit zu lassen. Und vor allem habe ich mich gegen die Glorifizierung der Vergangenheit gesträubt und habe selten so viel überbordende Emotionen verspürt, wie beim traditionellen, mehrstimmigen Gesang, bei einer klassischen georgischen Tafel.

Und zwischen all diesen Extremen habe ich nach der Identität dieses Landes gesucht, die untrennbar ist von meiner eigener. Und niemals habe ich eine klare Antwort geben können, wenn ich in Deutschland darauf angesprochen wurde, wie denn Georgien sei, was an mir georgisch, ob mein Stil denn von Georgien gefärbt sei. Immer habe ich sagen wollen: Ja und nein. Denn immer habe ich mich entscheiden wollen, mich festlegen und bestimmte Eigenschaften rausfiltern, als wäre die Vereinfachung die einzige Möglichkeit, dieses widersprüchliche Land in Worte zu fassen. Aber immerzu bin ich daran gescheitert, denn es schien mir nicht möglich. Das Land zu romantisieren und zu sagen, Georgien sei einfach nur wunderschön, sonnig, zum Träumen einladend, voller Musik und voller Genuss, würde einem sowjetischen Klischee entsprechen, das dieses Land in einem verzerrten, teils verlogenen Licht darstellt. Georgien unentwegt zu kritisieren für all das, was man nicht kann und nicht ist, wie es die meisten Georgier selbst tun, das wäre auch falsch und würde so unendlich viel aussparen, was man eben kann und ist. Das Einzigartige zu betonen, wie es manch blinde Patrioten tun, erscheint mir auch keine Lösung zu sein. Also wie erklärt man dieses Land? Ist Georgien nun Europa oder Asien und der oftmals zitierte „Balkon Europas“? Und wo kommt diese eigenwillige Sprache her, die man Jahrhunderte hindurch entgegen allen Besatzern, allen mit Schwert oder Wein empfangenen Freunden und Feinden hat wahren können und diese besonderen, schnörkeligen 33 Buchstaben des Georgischen Alphabets, das schon ca. 400 nach Christi benutzt wurde? Und ist man nun der Süden oder der Osten? Ist man modern oder traditionsfixiert? Und diese ganze blutige Geschichte, endlos an Kriegen und Besatzungen und Befreiungen und dazwischen diese unzähligen absonderlichen, humorvollen, menschlichen, berührenden, urkomischen, schrägen Geschichten der einzelnen Menschen und ihrer Schicksale, festgehalten zwischen den Buchdeckeln und später auch auf Zelluloid.

Ja, die georgische Literatur – wie ist sie? Erzählt sie von der Kolchis, der berühmtesten Georgierin Medea, die man in Georgien partout nicht als Kindermörderin sehen will? Oder von dem leider bekanntesten Georgier der Welt, dem Massenmörder Stalin, der in Georgien nach wie vor ein Museum in seiner Geburtsstadt hat und der seine Landsleute ebenso wenig schonte wie andere Völker, oder von Schewardnadse, den man in Deutschland so gern in bester Erinnerung behalten will, weil er sich für die Wiedervereinigung so eifrig eingesetzt hat? Und all die bekannten Fußballer und Musiker, alle mit komischen SCHWILI-Endungen, und der tolle Gesang und die leckere Küche und ja, der Wein, natürlich, erzählt man auch von Georgien als dem ältesten Weinanbaugebiet der Welt? Ja, wovon handeln nun die georgischen Geschichten? (Und immer im gleichen Zug die Frage: Sind das auch meine Geschichten? Sind es die Geschichten, die ich erzählen möchte oder gar muss?) Und auch da: Ja und nein. Aber vielleicht lässt sich eines mit Gewissheit sagen: Viele dieser Geschichten, die die Georgier sich erzählen, sind extrem. Extrem lustig oder extrem traurig, sie sind absurd und paradox, selten irgendwas dazwischen. Und da fällt mir der Satz eines anderen, für mich wichtigen Menschen ein, der als Besucher nach Georgien kommend feststellte, dass das Land und die Menschen, die hier leben, so sehr „ganz und gar“ seien. Und gedankenversunken erklärte er mir, das müsse an der Geschichte liegen, an all dem, was die Menschen erfahren und erlebt hätten, man wisse eben, dass das „gar“ einfach „ums Eck“ sei und umso mehr wolle man in dem Augenblick verweilen und das „gar“ spüren. Ich schwieg und sagte nichts…

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Dabei spürte ich eine gewisse Erleichterung, zum ersten Mal dachte ich, dass jemand von außen mir mein eigenes Land so erklären konnte, dass ich selbst es besser verstand, es zum ersten Mal selbst greifen konnte. Ich begriff, dass Georgien nicht in einem Entweder-Oder erklärbar ist, dass das Land nur in dieser Vielfalt und in diesen Widersprüchen zu erleben und zu beschreiben ist und dass es vielleicht genau darauf ankommt, dass es sich nur in diesen Paradoxien, in diesen Extremen und in dieser Heterogenität zeigen kann. Und im gleichen Zug dachte ich, dass es vielleicht gut so ist, dass Georgien für mich genau aus dem Grund zu Europa gehört, genau aus dem Grund es sich lohnen könnte, die europäische Literatur um die georgische zu erweitern – weil die Vielfalt, die Koexistenz von Verschiedenem als Idee genau das ist, was für mich Europa ausmacht und was heutzutage leider oftmals in Frage gestellt wird. Denn man muss sich nicht entscheiden. Man sollte sich nicht entscheiden. Eine Identität ist nichts, was keine Vielfalt zulässt und eine Klarheit erfordert. Genauso wenig ist es die Literatur. Die Komplexität ist genau das, was wir an guten Geschichten, an guten Büchern lieben, und Georgien ist allemal komplex. Es gibt im Georgischen ein Wort, sauzchoo, das so viel bedeutet wie das Wunderbarste, Beste. Wörtlich übersetzt heißt es jedoch: etwas, was für Fremde bestimmt ist. Dass ausgerechnet dieses Wort das Allerbeste widerspiegeln soll, sagt Einiges über die georgische Vorliebe für Verschönerung aus.

Ich persönlich wünsche mir, dass sich Georgien in Frankfurt in all seinen Widersprüchen und all seinen Extremen zeigt, in all seinen Fehlern und all seiner Pracht und der Auftritt keineswegs sauzchoo wird. Denn nur so kann man das Land mitsamt seinem Reichtum an Geschichten und Menschen entdecken und nur so kann Georgien etwas Neues über sich erfahren – genau wie ich, durch die Augen von fremden Freunden.

Nino Haratischwili –
© read MaryRead 2018, Frankfurter Buchmesse

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