Johannes Agricola: Ayn kurtze verfassung des spruchs Matthei am 16.

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Wen sagen die leutte / das da sey des menschen son ec. Für die iugent und aynfeltigen.

Ißleben
M.D.XXV.

Das Lucas sagt am zehenden/ wie Christus dise frage thon hat an seine Jünger / da er vom gebet sey auffgestanden / Bedeut das es die höchste frage unnd antwort sey / die alle bayde hie geschehen / darinnen aller menschen glück und seligkait hanget / Dann wer hie strauchlet und zweyffelt / der hat des gantzen Evangelii und des ewigen lebens gefelet. Darumb ich auch verursacht disen ortt Matthei auff das ainfeltigst außzulegen / Das die eltern ire kinder disen ort dester bas berichten und leren mügen.
     Es seynd zwayerlay lere von Christo und der seligkayt.
    
Die erste / Das man Christum predige / er sey Gottes son / welcher alle ding geschaffen hat ec. Und künden also alle Evangelien unnd alle artikel des glaubens / Christus werck und leben außwendig erzelen / wie dann dise den namen Gottes auch auff der zungen füre. Aber wan man fraget / Wie wiltu der sünde loß werden / den teuffel und todt uberwinden? Wie wiltu Got zu freunde machen / wann er zürnet? schickt dir zu das creutz unnd verfolgung / wie wiltu dich da halten? So werden sie aygentliich sagen. Ich wil also vil fasten / betten und almüsen geben ec. Dise haben kainen glauben / auch sein sie kain Christen / und haben doch den namen. Auff die weyse predigen Christum die Papisten und die gantze welt / Dann vernunft wil ia noch das ire dazu thun / unn will nit nichts seyn. Diser glaub aber ist nichts meer / dann wann ich höre der Kayser hatt Mediolan gewonnen oder der gleychen. Das haist dann Christum für ainen Propheten halten.
    
Zum andern / predigt man Christum also / Er sey Gottes son / darumb / dz wir durch jn auch gotes kinder und sün werden / Das er sey nicht allain ain frommer hailiger Prophet / der etwas verkündiget von Gott / sonder der es selbs thut / und also thut das er meyne sünde / unnd Gottes zorn hynneme / und erstatte mir trost im gewissen / und ain versicherung Gott sey mir gnedig / welche letste predig rechte Christen macht / und Peters genossen / die da im hertzen sprechen / Du bist Christus des lebendigen Gotes son. Also haben jn gepredigt die Aposteln / und S. Paulus in allen seinen Episteln.
    
Hierauß versteet man nun / was Christus in disem Evangelio die Jünger fraget. Erstlich / Wen sagen die leutte das des menschen son sey / unnd was sagt ir von mir? Welche fragen stets geen on underlaß / Es wirt auch ains iglichen menschen hertz hier außbeschlossen / dz es ent zwer Christum helt als ayn Propheten / oder fur das / das er ist / des lebendigen Gottes son. Die ersten haben es kaynen nutz / sonder werden verdampt. Die andern haben iren schatz dran und werden sälig.
    
Da antwort Jhesus ec.
    
Hie sagt nun Jhesus wa dise lere herkompt / unnd wer sie gibt / Auch was sie wirckt / zaygt also an / die ankunfft diser erkentnis oder lere / unnd ir krafft oder frucht / darnach auch den brauch.

Ankunfft

Selig bistu ec. Hie ist geschaiden von ainander flaysch und blut / unnd die offenbarung des Vatters / als solt er sagen / Was Adams geburt ist / was auß Gott nit von newen geporn wirt / kent Christum nicht / wirt auch nicht selig. Widerumb / was Gott durch seyn offenbaren erleucht hat / das kent den son / unnd wirt sälig. Also bistu selig Petre / nicht das du flaisch unnd blut bist / sonder das dirs meyn Vatter von hymel herab geoffenbart hatt / Dann solch erkentnis wechst nicht auff erden.

Die Krafft

Du bist Peter unnd auff disen fels wil ich bawen meyn kirchen / und die pforten der hellen sollen sie nicht uberweldigen. Was die welt von Christo helt und füret und prediget wirt hie geschwigen/ dann sie ist verworffen und füret zur helle / Aber dise lere füret zum ewigen leben / Dann wa dise lere geet / wa dise erkentnis ist / da ist die kirche / und wanns nur ainn mensch allaine were / Wa die lere nicht ist / wa dis erkentnis nit lebt / da ist dye kirche nicht / und wann die welt vol Klöster / Kirchen / Pffaffen / und München were / Dann kirche haist ainn solch hertz / da Got durch seynen gayst inne ruhet / unnd wirckt darynnen seyn erkentnisse. 1. Corinth. 3. Matthei. 23.

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Wider das hertz nun das also gegrund ist / werden sich die pforten der hellen legen / der todt wirt seyn stercke versuchen. Die sünde wirt sich groß machen / Der teuffel wirt das gewissen schrecken mit Gotteszorn. Aber hie ist der trost / und der rhum der kind‘ Gotes / legen künnen sich darwider die pforten der hellen / Aber uberweldigen können sie diß hertz nit / und wann sichs schon last ansehen außwendig / als habe Gott unser vergessen / und wölle uns verdammen / und der todt verschlingen / Dennoch spricht das hertz / Ey meyn Gott hat gesagt / Die pforten der hellen sollen mir nicht schaden / auff das wort verlasse ich mich / er wirt nicht liegen / es schrecke mich was da wöll / Dann hie müs man hend und füsse geen lassen / augen und oren zuthun / und dem wort frey folgen in leyden und in sterben.

Dir wil ich die schlüssel geben zum hymelrich

Die weyl Christus will durch die offenbarung des Vaters ain reych anriichten darwider dye hellischen pforten nichts vermögen / so mus er ayn gewallt auffrichten / dadurch seyn reych besteen müge / unnd wir des ain eusserlich sichtiges zaychen hetten / das ist Gottes wort und dise predige die da alzeit weret / und unser oren hören sie / biß anß ende der welt. Das gleich wie ers anfacht durch die lere die Got der vater offenbart / also will ers auch durch dye selbige krefftilich erhalten / Hebre. 1. Dye gewalt ist aber binden und lösen / auffschliessen und zuschliessen. Das geschicht alles baides zwayerlay weyse. Erstlich wann man das Evangelion Gottes predigt / so mus man dye welt mit alle irem anhang verdammen / also das sie von irem wege solle abtreten / und sich Gott und seynem wort zu volgen undgeben / wie Christus thut / auch Joannes / Thut Busse das hymelreych ist nahe herbey kommen / Die axt ist an den baum gelegt / Welcher baum nicht gutte früchte bringt / den sol man außrotten und ins fewr werffen 1 / das ist offentlich zugeschlossen und gebunden. Haimlich ists auch also / Wann ich zu meinem bruder gehe unnd sage / Lieber du sündigst wider Gott / lasse abe / Wa er nicht folget / so ist er schon gebunden vor Gott haymlich / und der hymel ist zugeschlossen.
     Aufflösen / geschicht auch zwaierlay weysse / Offentlich / wann man sagt / Das ist das lamb Gottes / das die sünde der welt hynnimpt. Item Christus ist kommen umb der sunder willen / auff das er die sunder beruffe zur busse ec.
    
Haimlich auch also / Wann ich meynen Bruder straffe / und er folget mir / so hab ich vollen gewalt in ain kind Gottes zu machen / durch das wort vom reich Gottes / Und diß ist nun der rhum des newen Testaments / Das wir durch Christum haben empfangen vergebung unser sunden / und gewalt andern auch sunde zuvergeben / Das also hie gefasset sey die erste gepurtt Christi / inn welcher ist die kindschafft unnd das Priesterthum / kindschaft / durch den glauben / das Christus sey des lebendigen Gottes son / das Priesterampt das wir haben / gewalt / für ander leutt und fur uns zu bitten in Gottes angesicht durch Christum / auch zu binden unnd zu lösen durch die predig vom reych Gottes.
    
Nun ists zuerbarmen das man dise tewre wort / darynne wir sehen wie ain hoch ding es ist umb ainn Christen / uns entzogen hatt / unnd darmit dye teuffelische tyranney des Papsts bestettiget. So doch allen Christen hyemitte gegeben wirt gewalt kinder Gottes zu seyn / trost und stercke entpfahen / wider todt teuffel unnd helle / wider ire sünde und Gottes zorn / Unnd dis aynige stuck were genug zu beweysen / das der teuffel durch den Papst regirt hatt so lange zeyt her.
    
Zum letsten volget ain exempel des brauchs der schlüssel. Dann eben der Peter welchen Christus hailig nante unnd selig / den hayst er bald darnach ain teuffel / Auff das er hynneme das vermessen in den die itzt steen / Dann sie können bald fallen / und das verzagen der die da ligen dann sie können bald auffsteen / kurtzumb wie S. Paul. sagt / Wer da steet / der sehe das er nit falle / Dann die erstn seind die letsten / und die letsten die ersten. S. Peter im 18. Matth. fragt Christum / Wie oft er seynen Brüdern (Brüdern sagt er das ist den die an Christum glauben) vergeben soll / syben mal? Da antwort Christus nicht syben mal / sondersybenzig mal syben mal / das ist / so offt er felt unnd wider gnade od hulffe begert. Dann siben hayst vill auff die Ebreische weyse / Das kayner den andern tadel oder richte.

So ist nun das Evangelion gefasst inn drey stucke.

1 Das erste.
Warynne steet / das ewige leben?
Antwort

Yn erkentnis Jhesu Christi / das er sey des lebendigen Gottes son / das ist / der da kann im tode leben geben / in verfolgung trost / im creutz stercke / ynn der sünde erlösung / und gnad im zorn Gottes / Dazu wir inn empffangen haben zum geschencke / das wir des gewiß seyen / Röm. 8. Joan. 6.

2 Was ist die gewalt der schlüssel zum hymelreych?
Antwort

Gewalt der schlüssel steet im wortt vom reych Gottes / das ist / im Evangelio / damit man bind und löset offentlich un haimlich. Die dem Evangelio glauben / löset man und tröst sie mit dem wort von der vergebung der sunde. Die da aber nicht folgen / zu den sagt man / Die mein wort nit hören / die seind auß got nicht.

3 Was ist die frucht der schlüssel / und wie sol man sie brauchen?
Antwort.

Weil wir hie leben so geet es uns wye Petro / das / wer ietz selig ist umb des erkentnis willen Christi / der ist bald aynn teuffel / und wayßt nicht von Got. / Dann das redlin trybt Got hie auff erden under seynen kindern / das sich niemand seiner gnade erhebe / unnd niemand in seynem falle und sunden verzage.

Summa.
1 Die welt helt Christum fur aynen Propheten.
2 Christen halten Christum als ainen hayland / durch welchen sie allayn sälig werden / Du bist Christus der son des lebendigen gottes / Matthei 16.
Wa her kompts?
3 Dis halten von Christo als aynem hailand / gibt nicht flaisch und blut / sonder der Vatter offenbarts der im hymel ist / Matthei am 16.
    
Darumb gilt freyer wille nichts / Auch alle beraittung menschelicher vernunft.
Was wirckt dise offenbarung?
4 Sie gibt trost und stercke wider alle feynde im hymel und auff erden / auch wider alle pforten der helle / Colossen. 1. Matthei am 16.
Wie geet die offenbarung zu?
5 Er befilchts seynen Jüngern und allen Christen / man sol es predigen / unnd dadurch die gewissen auffrichten / lösen und trösten / Die andern die es nicht glauben / schrecken mit dem gericht / das über sie geen wirt. Dir wil ich die schlüssel geben ec. Matth. am 16. Johan am letsten.
6 Wie lang sol man predigen / Wie offt sol man losen?
Hie sol kainn auffhören seyn / Sonder wa arme gewissen seynd / da sol das Evangelion dienen / lösen und auffbinden on auffhören / Dann wa Christen seynd / da geet es also zu / Das dye heutte engel seyn / morgen teuffel / heutte frum morgen unfrum heutte Gottes kinder morgen des teuffels kinder seyn / ubermorgen wider Gottes kinder. Kurtzumb gleich wie kain auffhören ist zu sündigen / auch in allen Christen / also sol auch kain auffhören seyn zu gnaden im reych Christi / Matthei am 16. Nicht syben mal soltu deynem bruder vergeben / sonder syben unnd sibentzig mal.

Anmerkung:

Vermutlich ist diese Auslegung 1525 von Johannes Agricola im Zusammenhang seiner Ausübung als Pfarrer in Eisleben entstanden.

In der heutigen Zeit wird im katholischen Kirchenjahr am 22. Sonntag des Jahreskreises A die Bibelstelle Mt 16,21 – 27 als Evangelium gelesen und meist wird darüber auch eine Predigt gehalten. Der 22. Sonntag fällt ungefähr auf Ende Mai / Anfang Juni. Demnach wäre es zu Zeiten von Johannes Agricola der Zeitraum, indem Thomas Müntzer seinen Widersachern in die Hände gefallen ist. Möglicherweise war diese seine Intention für diese Bibelauslegung, vor allem das mehrmalige erwähnen, wie oft ein Mensch einem anderen verzeihen soll, ist auffällig. Immerhin gehörte Thomas Müntzer in den Anfängen mit zu den Reformatoren, später suchte er sich seinen eigenen Weg und Johannes Agricola war ihm gegenüber nicht so dermaßen abgeneigt wie Martin Luther.

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Ergänzung:

1 Vgl. Matthäus 3,10 (Anmerkung von read MaryRead)


Weiteres
Gedicht, Italien, 15. Februar, 1811, deutscher Dichter, Romantik, read MaryRead, Literaturmagazin online,Gedicht: Werner, Zacharias: Betrachtung
(Rom, den 15. Februar 1811.)

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