„Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen“ von Ernesto Ferrero

Simone JaworFoto: © Simone Jawor / Collage: © Ute Fischer

Ordnung ist das halbe Leben

Fast jeder hat einen Bereich, der als unantastbar, als heilig gilt, in dem die absolute Ordnung herrschen soll. Bei einigen Menschen würde man den Ordnungsfimmel nicht vermuten, da ihre Wohnung aussieht wie bei „Hempels unterm Sofa“, öffnet man hingegen deren Schränke, wird man über so viel Spießbürgerlichkeit überrascht sein. Meistens hat die Ordnung ihre Vorteile, aber manchmal kann sie uns auch im Weg stehen, nämlich dann, wenn der Natur unsere Ordnung gleichgültig ist, wie Ernesto Ferrero mit einem Augenzwinkern über eine alte Dame in Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen erzählt.

Quirina ist eine ältere Dame, die einen gepflegten Garten in den lombardischen Bergen besitzt. Täglich schaut sie nach dem Rechten, pingelig entfernt sie jedes Unkraut. Sie hat einen sehr geregelten Tagesablauf, der einen an den Philosophen Immanuel Kant erinnert, dem nachgesagt wird, dass man nach ihm die Uhr stellen konnte, da er jeden Tag zur selben Uhrzeit durch die Straßen von Königsberg spazieren ging.
     Die alte Dame hat eine Tochter, die weit weg wohnt und mit der sie regelmäßig telefoniert. Ihre Tochter hat gute Kenntnisse im Umgang mit dem Computer. Als eines Tages Quirina in ihrem Garten einen Maulwurfshügel entdeckt, bittet sie ihre Tochter, im Internet zu recherchieren, wie man einen Maulwurf wieder los wird.

Ferrero_Die Geschichte von QuirinaDem langjährigen Cheflektor bei Einaudi und Schriftsteller, Ernesto Ferrero, gelingt in einer amüsanten Erzählung über das Leben eines Maulwurfs, seine Gewohnheiten und über den aussichtslosen Kampf gegen das unterirdisch lebende Tier, sowie über Gegenwartsliteratur, Ansichten einzelner Philosophen und ganz nebenbei noch ein paar kleine Seitenhiebe über das Verhalten des Menschen im Allgemeinen unter einen Hut zu bringen. Bei solch einem umfangreichen Inhalt ist normalerweise ein solches Buch mit vielen Seiten bestückt, doch das Gegenteil ist der Fall. In der Erzählung sind zudem humorvolle skizzenhafte Illustrationen von Paola Mastrocola eingestreut. Da kann man nur noch vor dem italienischen Autor vor seiner ausgezeichneten Erzählkunst, der am 06.05.1938 in Turin geboren wurde, seit 1998 Leiter der Turiner Buchmesse ist, ganz tief den Hut ziehen.
     Der Maulwurf hat in der Literatur und Philosophie eine Tradition, der von den einen als positiv betrachtet, wie Primo Levi, der in einem Gedicht eine Lobrede auf dieses Tier hält, von den anderen negativ wahrgenommen wird, wie in einigen Lexika, die den Maulwurf als einen Kannibalen bezeichnen.

Quirina stammt aus einer Medizinerfamilie, durchweg sind sie alle Humanisten, angehaucht von der Idee des Sozialismus. Ihre Eltern gaben ihr und ihren zahlreichen Geschwistern Namen aus der griechischrömischen Antike.
     Quirinius ist im alten Rom ein Kriegsgott, der später mit Romulus, der Begründer Roms und zu einem Gott erhoben wurde, gleichgesetzt wird. Quirinius bekommt einen Tempel auf einen der sieben Hügeln Roms, auf Quirinal (das nach ihm benannt ist), dass eine wechselvolle Historie hinter sich hat. Heute ist es der Sitz der italienischen Staatspräsidenten. 
     Die alte Dame ist achtzig Jahre alt, lebt in den lombardischen Bergen, hat Altphilologie studiert, ist körperlich und geistig noch sehr rege.

Um das Gespräch zu beenden, erklärte Quirina, auch sie wolle gern einen Beitrag zur Rehabilitierung der Maulwürfe leisten, die ungerechterweise zum Symbol für etwas erhoben worden waren, mit dem sie nichts zu tun hatten. Vorher sollten sie jedoch so nett sein und aus ihrem Garten verschwinden.“

Es stellt sich die Frage, wer überhaupt gegen Maulwürfe ankommt, wenn eine gute Bildung keine zündende Idee liefert, wenn ökologisch-korrekte Fallen wie Knoblauchzehen nichts nutzen, wenn selbst im Internet bestellte Gifte nichts gegen die lichtscheuen Tiere ausrichten können?

Durch die Beobachtungen und Beschreibungen von Charles Darwin über Regenwürmer, erfreut sich seitdem jeder Gärtner über die nützlichen Tiere, wenn er sie in seinem Revier entdeckt. Den Maulwürfen ist zu wünschen, dass ihnen Ähnliches widerfährt und wir uns darüber freuen, wenn sie mal wieder sich in unseren geordneten Gärten bemerkbar machen.

– Sonja Schneider –
© read MaryRead 2015

Belletristik


Ordnung ist das halbe LebenErnesto Ferrero: Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen
Titel der Originalausgabe: Storia di Quirina, di una talpa e di un orto in montagna
Übersetzung aus dem Italienischen: Friederike Hausmann
Illustrationen: Paola Mastrocola
Erzählung / 104 Seiten / gebunden (Leinen)
erschien: 11.02.2015 / Verlag: Antje Kunstmann
ISBN 978-3-95614-025-9
Preis: 14,95 € (D), 15,40 € (A)


Maulwürfe im Garten können eine Plage sein, wie der folgende Filmbeitrag erklärt:
der maulwurfkrieg:

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