Brief an Agatha Christie

Broecher_Brief an Christie_Agatha

Herrenhaus, made by © read MaryRead

 

 Der Fall Agatha Christie

London, 25. September 2015

Dear Grandma,

eigentlich ist es heutzutage üblich, seinen Mitmenschen eine SMS oder eine Mail zukommen zu lassen, aber ich glaube, davon hältst Du nicht viel, oder?

Meine Mutter hat mir vor ein paar Tagen einen ganzen Stoß Bücher in die Hand gedrückt. Ich habe sie gefragt, was das denn für Bücher seien und sie antwortete mir, dass sie alle von dir geschrieben sind, liebe Grandma. Ich bin mit dem Stapel in mein Zimmer gegangen. Da fällt mir gerade ein, dass Du noch gar nicht mein frisch renoviertes Zimmer gesehen hast. Ich habe das Zimmer in der ersten Etage mit dem Ausblick auf unseren Garten, dass Zimmer, was ich immer haben wollte, was aber lange Zeit für Gäste reserviert war. Ich mag es, morgens am Fenster zu stehen, eine Tasse Tee zu trinken und dabei die Vögel zu beobachten. Seit einiger Zeit fliegen sie direkt zu meinem großen Fenster. Ok, dass machen sie nicht ganz uneigennützig, denn ich lege ihnen jeden Tag Futter hin. Inzwischen habe ich dem einen oder anderen Vogel einen Namen gegeben. Eine humpelnde Krähe nenne ich Maureen. Zufällig trägt die Krähe denselben Namen, wie einer deiner Figuren aus Deinem Kriminalroman Mrs. McGinty´s Dead (Vier Frauen und ein Mord). Ist das nicht lustig, dass ich ausgerechnet eine Krähe nach einer Figur benenne, die Du Dir ausgedacht hast? Ich sehe schon Dein Lächeln auf Deinem Gesicht, wenn Du das hier liest. Du sitzt gemütlich in Deinem Sessel, neben Dir das Strickzeug, zwischendurch schüttelst Du den Kopf über mich und manchmal lächelst Du dabei. Ach! Was würde ich gern bei Dir Mäuschen spielen, wenn Du diesen Brief liest.
     Den belgischen Detektiv, Hercule Poirot, finde ich äußerst sympathisch, auch wenn er was Überhebliches an sich hat. Er liebt die Ordnung und ein gutes Essen, genau wie Du. Eigentlich ist er mehr Engländer als wie Belgier, außer das er hin und wieder ein paar Brocken französisch spricht, verhält er sich eher wie ein Besitzer eines alten Herrenhauses. Was ich aber nicht verstehe, ist, warum er Rentner ist. Glaubst Du, dass nur Rentner das richtige Gespür haben, weil sie genügend Lebenserfahrung haben? Oder hast Du eine Figur geschaffen, der in Deiner Phantasie zunächst so was wie ein Erstatzopa war und später zu einem Freund wurde? Der wird irgendwie nie älter, nur mal so nebenbei bemerkt. Ist Dir eigentlich schon aufgefallen, dass Hercule Poirot in einigen Kriminalfilmen kopiert wird? Ich denke da beispielsweise an Detective Chief Inspectors Tom Barnaby, dass am 23. März 1997 auf dem englischen Sender ITV zum ersten Mal ausgestrahlt wurde.1  Hast Du Dir das angeschaut?Broecher_Brief an Christie_Agatha__Kraehe
      Warum hast Du eigentlich später noch die Figur Miss Marple erfunden? Wolltest Du eine Frauenfigur haben, um zu zeigen, dass auch Frauen eine gute Spürnase haben können?

Seitdem ich den Stapel Bücher von meiner Mutter in die Hand gedrückt bekommen habe, ist meine Neugierde geweckt und ich wollte in Erfahrung bringen, was andere so über Dich denken. Über Bezeichnungen wie englische Doyenne (Radio Times) und Queen of mysterie stories muss ich schmunzeln. Und Du bist in den Augen vieler eine Großmeisterin des red herring 2. Du hast es geschafft, grandma, trotz des Vorwurfs der Irreführung in „Mousetrap“ (Mausefalle) und trotz, das Du den gesamten Detektiv Club mit Deinem Kriminalroman „The Murder of Roger Ackroyd“ (Der Mörder an Roger Ackroyd) gegen Dich aufgebracht hast, weil Du nach deren Ansicht das Deus ex machina verletzt hast.
      Meine Großmutter eine Revoluzzerin im Genre Kriminalroman, das hat was, und dann noch mit Erfolg. The Murder of Roger Ackroyd wurde ein Beststeller und von der Queen Elsabeth II. wurdest Du 1971 in den persönlichen Adelsstand als Dame Commander in den Orden des britischen Empire gehoben. Queen Mary wünschte sich zu ihrem 80. Geburtstag ein Kriminalstück von Dir und Du schriebst Mousetrap, dass seitdem ununterbrochen im West End gespielt wird. Unglaublich. Das funktioniert nur bei uns Briten.

MEHR ZUM THEMA:
> Auf eine Zigarette mit Agatha Christie
> Amanda Adams: Scherben bringen Glück
> Gespräch mit Christian von Ditfurth: Ich bin eigentlich Beamter

Im Kriminalroman Mrs. McGinty`s Dead (Vier Frauen und ein Mord) finde ich Deine kleinen charmanten Raffinessen höchst interessant. Du schreibst: „Interessant bei diesem Fall ist der Mörder, nicht die Ermordete. Das ist bei den meisten Verbrechen anders. Gewöhnlich steht die Persönlichkeit des Opfers im Mittelpunkt.“3 Ich frage Dich mit schmunzelndem Gesicht: Wie hat der Detektiv Club darauf reagiert?

Ach liebe Grandma, ich vermisse Dich. Bald komme ich Dich besuchen und dann feiern wir gemeinsam Deinen Geburtstag. Und ich zeige Dir ganz viele Fotos von meinem neuen Zimmer auf meinem Smartphone. Du kannst mir dann all meine Fragen beantworten. Ich freue mich jetzt schon darauf.

In voller Erwartung
Deine Enkelin Shelagh

 © read MaryRead 2015

Lesestoff

Home > Korsaren-Anthologie > Lesestoff > Lese-Koje > Literaturmagazin: Herbstzeit gleich Lesezeit > Brief an Agatha Christie


1 Vgl. () Wikipedia: Inspector Barnaby, zuletzt besucht am 27.09.2016  
2 () Der Ausdruck „red herring“ – wörtlich „roter Hering“-bezeichnet in der Umgangssprache einen Bückling, im Kriminalisten-Jargon eine falsche Fährte. Er stammt aus der englischen Jagdreiterei: Bei Fuchsjagden werden für die Spürhunde mit Tierexkrementen künstliche Fährten im Gelände gelegt, denen die Meute dann folgt. Früher verwandte man zu diesem Zweck gelegentlich auch Heringe. (vgl. Das Mord-Vergnügen, Der Spiegel 30.05.1956, zuletzt besucht am 27.09.2016)
3 
Agatha Christie: Vier Frauen und ein Mord, Scherz Verlag – Bern München1998 (23), S. 22


Weiteres
Die Shortlist und ihre TückenAuszeichnung: Shortlist Deutscher Buchpreis 2015
Die Shortlist und ihre Tücken
Die Meinungen darüber klaffen auseinander: die einen sind enttäuscht, weil ihrer Ansicht nach die Longlist  … mehr >  18.09.2015

KontrasteJugendroman, ab 14 Jahre:
Saenz, Benjamin Alire
:
Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums
Kontraste

Beide Familien sind in der amerikanischen Gesellschaft mehr > 23.09.2015

Jugendroman,Kriminalroman, Thriller, Buchbesprechung, Rezension, Literaturkritik, Hollekuse, Cafe Hollekuse, Langenholdinghausen, Wiesenraute, Gärtnerei Wiesenraute, SiegenKriminalroman, ab 14 Jahre: Michaelis, Antonia: Nashville oder Das Wolfsspiel
Die Welt steht auf dem Kopf

Nashville ist der Name, den die junge Medizinstudentin und Protagonistin Svenja Wiedekind dem obdachlosen Jungen gegeben hat. Sie ist gerade  mehr >  19.08.2015


Treffpunkt Literatur

 

 

 

Immer gut informiert sein. Melden Sie sich bei unserem kostenlosen Service read MaryRead – Treffpunkt Literatur an.

Ein Kommentar