Sully Prudhomme

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INHALTSVERZEICHNIS:
Der nachdenklich Vergessene
> Zwischen Abkehr und Neufindung
> Au bord de l’eau
> Nachdichtung: Am WasserrandDer erste Träger des Nobelpreises für Literatur
> Für den Nobelpreis der Literatur wurde Sully Prudhomme von folgenden Personen nominiert
> Eine gute Vernetzung ist hilfreich
> Begründung der Schwedischen Akademie Werke (Auswahl)
> Ohne JahresangabeEinzelnachweise

geboren: 16.03.1839 in Paris1aa
gestorben: 07.09.1907 in Châtenay-Malabry1ab

bürgerlicher Name: René François Armand Prudhomme1ac

französischer Dichter und Schriftsteller

Der nachdenklich Vergessene

Obgleich Sully Prudhomme der erste war, der den Literaturnobelpreis 1901 verliehen bekam, ist er weder hierzulande noch in Frankreich heute noch ein bekannter Dichter, er ist in Vergessenheit geraten.

Aufgewachsen ist er in einer katholischen Familie,1ad seine Mutter hieß Clotilde Caillat und stammte aus Lyon. Sully Prudhomme war zwei Jahre alt, als sein Vater an einer Gehirnentzündung starb,2aa er wurde von dem Notar Sully adoptiert,3aa wo seine einzige Schwester verblieb ist unklar.
     Er besuchte die Schule „Lycee Bonparte“, schloss diese mit der Reifeprüfung mit literarischem Zweig ab.1ae Während seiner Schulzeit lernte er Léon Bemard-Derosne kennen, zudem er eine tiefe Freundschaft pflegte.2ab
    
Nach dem Schulbesuch arbeitete er kurzfristig in der Firma „Schneider“,1af  vergleichbar mit „Krupp“,4aa studierte dann aber Jura und arbeitete nebenbei in einer Kanzlei.1ag
     Das Jahr 1870 könnte man als ein persönliches Wendejahr für Sully Prudhomme bezeichnen. Zum einen starb in dem Jahr seine Mutter, eine Tante und ein Onkel, zum anderen ging er bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges zum Militär. Die Zeit beim Militär sollte für ihn später nochmals sehr hilfreich werden, einige aus dem Militär nominierten ihn später für den Literaturnobelpreis. So sehr das Militär ihn später bei seinem literarischen Weiterkommen behilflich war, so litt er aufgrund des Drills, seine körperliche Gesundheit ließ zu wünschen übrig.1ah
     Dem Romanisten Auguste Brachet widmete er das Gedicht „À Auguste Brachet“,5aa es ist davon auszugehen, dass die beiden eine Freundschaft pflegten.

schwarz-weiß Foto,

Sully Prudhomme

1881 wurde er in die Académie française aufgenommen als Nachfolger von dem Politiker Prosper Duvergier de Hauranne,2ac 1895 wurde er gar von der Akademie zum Chevalier de la Légion d’honneur ernannt.1ai

Offenbar hatte er mit den Frauen im allgemeinen ein Problem, wie einige Aphorismen bzw. Zitate zeigen:
– „Seltsame Illusion der Frauen zu glauben, die Kleidung lasse Gesicht und Figur vergessen!“
– „Die Frau muß gehorchen, es sei denn, der Mann unterwerfe sich ihren Befehlen, denn das Paar braucht ein Haupt.“
– „Die Vergangenheit einer Frau ist wie die Wurzel einer Blume: die Wurzel steckt im Schmutz, dennoch führt man die Blume an die Lippen.“
– „Die Frauen lieben nicht die Gedichte, sie lieben nur ihr Geräusch.“

Zwischen Abkehr und Neufindung

Wie so viele andere begann Sully Prudhomme seine schriftstellerischen Tätigkeiten in der Nacht, tagsüber arbeitete er als Jurist. Seine Schlafstätte war der Salon in rue d’Hauteville, dort machte er auch Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Charles Marie René Leconte de Lisle, der sich regelmäßig dort aufhielt und Dichter einlud, die aus ihren Werken lasen und darüber debattierten. Sully Prudhomme scheint sich in dieser Gruppe wohlgefühlt zu haben, er wagte sich nun auch an kürzere Kunstwerke heran.2ad Charles Marie René Leconte de Lisle war Mitglied der „Parnassiens“, auch bekannt unter dem Namen „parnassische Schule“, eine Dichtergruppe, die sich von der Spätromantik absetzte, der gefühlsbetonten Literatur den Rücken kehrten, stattdessen sollte innere Logik vorherrschen.6aa Sully Prudhomme war davon angetan. Mithilfe der Dichtergruppe bot ihm der Verleger Alphonse Lemerre an, seine Gedichte zu drucken.2ae Sein Debüt „Stances et poèmeswidmete er seinem Freund Léon Bemard-Derosne, erschienen 1865 und wurde zum Erfolg.1aj Nach 1866 unternahm er mit seinem Freund und Schriftsteller Georges Lafenestre eine Reise nach Italien, so richtig begeistern konnte ihn das Land jedoch nicht. Seine Enttäuschung über Italien machte er sich in „Croquis italiens“ Luft.
     Um 1886 / 1887 herum widmete er sich in seinen Schriften philosophischen Fragen auf dem Hintergrund der aufkommenden Psychoanalyse. In „Le problème des causes finales“ nähert er sich in Form eines Briefwechsels mit Charles Richet, Mediziner und Physiologe seiner Zeit mit metaphysischen Fragen.2af

Seine Gedichte sind zum einen von dem Ideal der Liebe, zum anderen von naturwissenschaftlichen Anschauungen geprägt. Er bediente sich in seinen Gedichten in einer leicht abgewandelten Versform den Alexandriner.2ag

Au bord de l’eau

S’asseoir tous deux au bord d’un flot qui passe,
     Le voir passer;
Tous deux, s’il glisse un nuage en l’espace,
    
Le voir glisser;
À l’horizon, s’il fume un toit de chaume,
    
Le voir fumer;
Aux alentours, si quelque fleur embaume,
    
S’en embaumer;
Si quelque fruit, où les abeilles goûtent,
    
Tente, y goûter;
Si quelque oiseau, dans les bois qui l’écoutent,
    
Chante, écouter…
Entendre au pied du saule où l’eau murmure
    
L’eau murmurer;
Ne pas sentir, tant que ce rêve dure,
    
Le temps durer;
Mais n’apportant de passion profonde
    
Qu’à s’adorer;
Sans nul souci des querelles du monde,
    
Les ignorer;
Et seuls, heureux devant tout ce qui lasse,
    
Sans se lasser,
Sentir l’amour, devant tout ce qui passe,
    
Ne point passer!

Aus: Les vaines tendresses

 

Nachdichtung: Am Wasserrand

Am Ufer eines vorbeiziehenden Baches sitzen,
     schau sein Fließen;
im Wasserspiegel schiebt sich eine Wolke in das Universum
    
schau sein Gleiten;
Ein Strohdach raucht am Horizont
    
schau seinen Rauch
In der Nachbarschaft, wenn einige Blumen einbalsamiert werden,
    
wenn sie einbalsamiert werden;
Wenn etwas Obst, schmecken die Bienen daran,
    
Zelt, schmecke es;
Wenn Vögel dies in den Wäldern hören,
    
Wenn sie singen, höre zu;
Höre am Fuße der Weide, wo das Wasser murmelt
    
das murmelnde Wasser;
Fühle nichts, solange dieser Traum anhält,
    
während dieser Zeit;
Aber sie bringt tiefe Leidenschaft
    
Verehre es;
Nimm keine Rücksicht auf die Streitigkeiten der Welt,
    
Ignoriere sie;
Und allein, sei glücklich vor all den Reifen,
    
Ohne müde zu werden,
Fühle die Liebe, vor allem für all das, was vergeht,
    
Geh nicht!

Aus: Die eitle Zärtlichkeit (liegt nicht als deutscher Titel vor), Übersetzung von read MaryRead

Der österreichische Sprachwissenschaftler Ernst Grabovszki schreibt über Sully Prudhomme:

In seinen Werken erkennt man eine Mischung der verschiedenen literarischen Richtungen seiner Zeit, man kann ihn jedoch zu keiner genau zuordnen. Er galt als „poète de l´âme“, übers. als „Poet der Seele“ und wurde von einer bestimmten, vor allem gebildeten Gruppierung begeistert aufgenommen, die philosophische Kenntnisse besaßen.1ba 

Dass Sully Prudhomme heutzutage nur noch wenigen bekannt ist, liegt auch daran, dass seine Texte nicht ins Deutsche übersetzt wurden bis auf seine Rede zum Literaturnobelpreis „Journal intime“ (deutscher Titel: Intimes Tagebuch und Gedanken). Seine Gedichte sind schlicht zu sperrig, vor allem die späteren, da er dazu neigte, Wörter auszulassen und selbst seinen Zeitgenossen hatten wenig Freude daran.2ah

Sein Glück war, dass er gut geerbt hatte, ansonsten hätte er seiner Neigung als Dichter und Schriftsteller nicht nachgehen können, als er ungefähr 25 Jahre alt war, widmete er sich ganz dem Schreiben.4ab

Der erste Träger des Nobelpreises für Literatur

Schon die erste Vergabe des Literaturnobelpreises am 10. Dezember 1901 war nicht unumstritten, der schwedische Schriftsteller Johan August Strindberg war empört, aus seiner Sicht war die Dichtkunst von Sully Prudhomme nicht so hoch einzustufen, dass sie diese Auszeichnung verdient hätte; er fand, dass der russische Schriftsteller Leo Tolstoi ihn vielmehr verdient hätte.7aa

Für den Nobelpreis der Literatur wurde Sully Prudhomme von folgenden Personen nominiert8aa

– Per Adolf Geijer (schwedischer Romanist)
Michel Jules Alfred Bréal (französischer Philologe)
– Gustave Lanson (französischer Literaturwissenschaftler)
– Henri de Bornier (französischer Dichter und Dramatiker)
Bruno Paulin Gaston Paris (französischer Philologe), hat ihn zweimal nominiert
– Paul Charles Joseph Bourget (französischer Schriftsteller)
– Octave Gréard (französischer Pädagoge)
– André Theuriet (französischer Dichter, Dramatiker und Schriftsteller)
– Gaston Boissier (französischer Philologe)
– Ludovic Halévy (französischer Dramatiker)
– Henry Houssaye (französischer Historiker)
– François Édouard Joachim Coppée (französischer Dichter, Dramatiker und Schriftsteller)
– José-Maria de Heredia (französischer Schriftsteller)
– François Élie Jules Lemaître (französischer Dramatiker und Schriftsteller)
– Charles de Freycinet (französischer Politiker)
– Paul Deschanel (französischer Politiker, Staatspräsident)
– Émile Ollivier (französischer Politiker)
– Guillaume (unklar, wer damit konkret gemeint ist)
– Charles Albert Costa de Beauregard (französischer Historiker und Politiker)
– Émile Faguet (französischer Literaturkritiker und Schriftsteller)

Eine gute Vernetzung ist hilfreich

Es gab unter anderem zwischen denjenigen, die Sully Prudhomme nominierten, die Gemeinsamkeit, dass auch sie dem Militär angehörten. Zu nennen wären der Philologe Michel Jules Alfred Bréal (Kommandeur der Ehrenlegion), der Pädagoge Octave Gréard (Mitglied der Ehrenlegion), der Historiker Henry Houssaye (Militärhistoriker), der Politiker Charles de Freycinet, der in seiner Funktion auch für das Militär zuständig war und der Historiker Charles Albert Costa de Beauregard, der Soldat war. Ludovic Halévy nahm am deutsch-französischen Krieg teil.4ba

Aus dem literarischen Kreis gehörten einige der Dichtergruppe „Parnassiens“ an, wie beispielsweise: Paul Charles Joseph Bourget war seit 1870 Mitglied der Dichtergruppe, André Theuriet gehörte seit seiner Studienzeit der Dichtergruppe an, François Édouard Joachim Coppée und José-Maria de Heredia.

Den größten Anteil machten jedoch die Mitglieder der Académie française aus, nicht nur die Anzahl ist bedeutsam, sondern auch deren Ansehen. Zu nennen wären11aa:
     Émile Ollivier wurde 1870 berufen, Gaston Boissier wurde 1876 berufen, seit dem 04.12.1884 war Ludovic Halévy Mitglied, seit 1884 war François Édouard Joachim Coppée Mitglied, der Pädagoge Octave Gréard wurde am 18.11.1886 gewählt und aufgenommen. Paul Charles Joseph Bourget war seit 1894 Mitglied, Henri de Bornier wurde 1893 aufgenommen, kurz nach der Einbürgerung in Frankreich wurde José-Maria de Heredia am 22.02.1894 Mitglied, seit 1895 war Henry Houssaye Mitglied, seit dem 23.01.1896 war Charles Albert Costa de Beauregard Mitglied und seit 1900 war Émile Faguet Mitglied.

Die Académie française ist in mancher Hinsicht mit der Schwedischen Akademie vergleichbar. Es wundert einen wenig, dass mit solch einem Rückenwind Sully Prudhomme mit dem Preis ausgezeichnet wurde.

Begründung der Schwedischen Akademie

Während viele andere Dichter ihre Sichtweise nach außen richten, das Leben und die umgebende Welt in ihren Worten sich widerspiegelt, hat Sully Prudhomme eine introvertierte Natur, so sensibel wie delikat. Seine Innenansichten können als Spiegel poetischer Kontemplation dienen. Er nutzt weniger den melodischen Klang, vielmehr sind es die Formen, die er schafft, um Gefühle und Ideen auszudrücken.
     Edelmütig, tief nachdenklich und der Traurigkeit zugewandt, enthüllt sich seine Seele in dieser Poesie, zart, aber nicht sentimental – eine traurige Analyse, die dem Leser eine melancholische Sympathie einflößt.9aa 

Aus gesundheitlichen Gründen konnte Sully Prudhomme den Nobelpreis nicht persönlich entgegen nehmen, an seiner Stelle wurde es stellvertretend an den französischen Minister Jean Marchand überreicht.9ab 

Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass Sully Prudhomme den Schriftsteller René Vallery-Radot für den Nobelpreis 1901 vorschlug.8ab

Sully Prudhomme wurde auf dem Friedhof Cimetière du Père-Lachaise in Paris beerdigt.4ac 

Werke (Auswahl):

1865: Stances et poèmes, Gedichte3ab
1866: Les épreuves, Gedichte3ba
1869: Les solitudes4ad
1872: Les destins, Gedichte3bb
1874: La révolte des fleurs, Gedichte10aa
1875: Les vaines tendresses3bc
1878: La justice, Gedichte3bd
1884: L’expression dans les beaux arts, kunsthistorische Schrift3ac

1886: Le prisme, Gedichte4ae
1886: Titus Lucretius Carus „De rerum natura“, Übersetzung aus dem Lateinischen ins Französische3ad / 2ai 

1888: Le bonheur, episch-philosophisches Gedicht3be
1892: Réfléxions sur l’art des vers, kunsthistorische Schrift3ae
1896: Que sais-je? Examen de conscience3bf 
1901: Testament poétique, Dichterisches Testament3ca
1904: Testament poétique, Dichterisches Testament3cb 

1907: Le problème des causes finales, gemeinsam mit Charles Richet3cc
1907: Psychologie du libre arbitre3af

1908: Épaves, Gedichte (posthum)4af 
1909: Le lien sociale (posthum)3cd

Ohne Jahresangabe:
– Croquis italiens1bb
– Journal intime (deutscher Titel: Intimes Tagebuch und Gedanken, übersetzt von Gerda Munk und Hans Roesch)1bc
La vraie religion selon Pascal3ce 69

© read MaryRead 2018

► Frankreich

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Einzelnachweise:

1aa, 1ab, 1ac, 1ad, 1ae, 1af, 1ag, 1ah, 1ai, 1aj: Ernst Grabovszki (): Vergessene Autoren und Autorinnen, S. S. 1 (pdf-Datei), zuletzt besucht am 09.10.2018
1ba, 1bb, 1bc: S. 3

2aa, 2ab, 2ac, 2ad, 2ae, 2af, 2ag, 2ah, 2ai: Ludwig Karl (): Sully Prudhomme. Eine psychologisch literaturgeschichtliche Studie, Verlag von Wilhelm  Gronau – Leipzig, Chemnitz, 1907, zuletzt besucht am 09.10.2018

3aa, 3ab, 3ac, 3ad, 3ae, 3af: Zeno.org (): Sully Prudhomme, Meyers Großes Konversations-Lexikon, zuletzt besucht am 09.10.2018
3ba, 3bb, 3bc, 3bd, 3be, 3bf: Zeno.org (): Sully Prudhomme, Brockhaus, zuletzt besucht am 09.10.2018
3ca, 3cb, 3cc, 3cd, 3ce: Zeno.org (): Sully Prudhomme, Eisler, zuletzt besucht am 09.10.2018

4aa, 4ab, 4ac, 4ad, 4ae, 4af: Wikipedia (): Sully Prudhomme, zuletzt besucht am 09.10.2018
4ba: Wikipedia (): Ludovic Halévy, zuletzt besucht am 09.10.2018

5aa: Wikisource: Sully Prudhomme (): À Auguste Brachet, zuletzt besucht am 09.10.2018

6aa: Hrsg. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moenninghoff: Metzler Lexikon Literatur, Verlag J. B. Metzler – Stuttgart – Weimar, 2007 (3), S. 571

7aa: Norrbottens affärer (schwedisch, ): 1901: Fel författare vann!, zuletzt besucht am 09.10.2018

8aa, 8ab: (): Nominierungen Literaturnobelpreis (englisch), zuletzt besucht am 09.10.2018

9aa, 9ab: Award Ceremony Speech (): Presentation Speech by C.D. af Wirsén, Permanent Secretary of the Swedish Academy, on December 10, 1901 (englisch), zuletzt besucht am 09.10.2018

10aa: Meyers Großes Konversationslexikon, (): Stichwort: Sully Prudhomme, zuletzt besucht am 09.10.2018

11aa: (französisch, ): Académie française, zuletzt besucht am 09.10.2018


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