Bachmann-Wettbewerb 2019: „Der Wod“ von Silvia Tschui

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019, Klagenfurt, Österreich

43. Tage der deutschsprachigen Literatur – Ingeborg Bachmannpreis 2019, Silvia Tschui, 1. Wettbewerbstag │© Johannes Puch, ORF

Eingriff in das Familiengeschehen

Über den Zweiten Weltkrieg habe ich vieles gelesen, im Schulunterricht einiges darüber gehört, so einige Dokumentationen darüber angeschaut. Eigentlich kann ich das Thema auch kaum noch ertragen, möchte mich derzeit nicht damit befassen und doch kann ich es nicht ganz sein lassen und sei es, weil es im Rahmen des Bachmann-Wettbewerbs vorgetragen wird.

Silvia Tschui beschreibt in ihrer Prosa „Der Wod“ das Ende eines Krieges oder eine Nachkriegszeit ohne einen expliziten Krieg beim Namen zu nennen. Es ist meine persönliche Interpretation, dass es sich um das Ende des Dritten Reichs handeln könnte. Die Namen der Protagonisten, Emil, Hartmut und Lilli geben mir diesen Anlass, ebenso der Hinweis, dass der Feind im Osten sitzt und die Familie offenbar auf der Flucht ist, vielleicht auch zu den Vertriebenen gehört. Letztendlich ist es aber gar nicht so wichtig, um welchen Krieg es sich handelt, denn die schweizerische Schriftstellerin weist anhand der drei Figuren auf den Umgang miteinander hin, teilweise auch gegeneinander.

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Irgendwo habe ich gelesen, dass man sich Moral leisten können muss. Wir, die „An die Nachgeborenen“ – ein Gedicht von Bertolt Brecht – urteilen und verurteilen vielleicht zu schnell jene, die sich während und nach der Kriegszeit unmenschlich verhielten. Doch mit welchem Recht? Diese Frage stellt sich einem, nachdem man „Der Wod“ gelesen hat.
     Hartmut und Emil sind Geschwister, Hartmut ist der ältere. Als zehnjähriges Kind muss Hartmut bei der Schlachtung eines Huhns dabei sein, dass macht ihn hart, unerbittlich, insbesondere gegenüber seinem jüngeren Bruder Emil. Zugleich fühlt sich Hartmut verantwortlich, verantwortlich für seine Mutter und für Emil, doch dieser Verantwortung ist er nicht gewachsen. Wie auch? Er ist noch ein Kind, die Zeiten unmenschlich. Jurorin Hildegard Elisabeth Keller benannte es in der darauffolgenden Besprechung als die Geschichte von „Kain und Abel“. Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf, die Handlung ist tatsächlich ähnlich aufgebaut wie die Story in der Genesis.

Silvia Tschui hat für ihren Text eine naive Sprache gewählt, es ist der Sound der Landwirte, wie es bis in die 1960er Jahre üblich war. In kurzen überschaubaren Sätzen wird die Not der einzelnen Charakteren deutlich, mehr noch, sie gehen einem ans Herz, man entwickelt für sie alle Verständnis, da nur allzu klar ist, dass niemand von uns weiß, wie er oder sie in solch einer Situation handeln würde.
     Der Juror Klaus Kastberger kritisierte, dass durch das Vorlesen von Silvia Tschui das emotionale bei Zuhörer*innen geweckt wurde. Diesen Einwand kann ich nicht mit ihm teilen, denn ich habe bisher lediglich den Text gelesen, mir den Vortrag von der Autorin nicht angehört.
    
Im Text eingebaut ist das Kunstmärchen über den Wod, der der Mutter vor allem als Schreckgespenst in ihrer Erziehung dient, im Stil, wenn du dies oder jenes machst, dann kommt der Wod, pure schwarze Pädagogik.
    
Natürlich geht es um Moral, aber nicht um die Moral der Figuren, sondern um unsere Moralvorstellung.

Im Nachgang verdeutlicht Nora Gomringer, die auch die Autorin zum Wettbewerb eingeladen hatte, wie der Krieg Nebengeschichten produziert, tief in das Familiengeschehen eingreift und diese für immer verändert. Dem schloss sich weitestgehend auch Michael Wiederstein an.

Für den Romanausschnitt „Der Wod“ wurde Silvia Tschui 2017 von Stadt Zürich mit einem halben Werkjahr gefördert, außerdem soll es nach Angabe vom Bachmann-Wettbewerb (ORF) 2020 beim Verlag Nagel & Kimche erscheinen.

Insgesamt sind die Juroren nicht sehr begeistert von dem Text, doch, was er schafft, ist eine lebhafte Diskussion, es wird darum gerungen, ihm gerecht zu werden.

© read MaryRead 2019

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