Bachmann-Wettbewerb 2019: „Raumstation Hirschstetten“ von Sarah Wipauer

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019, Klagenfurt, Österreich

43. Tage der deutschsprachigen Literatur – Ingeborg Bachmannpreis 2019, Sarah Wipauer, 1. Wettbewerbstag │© Johannes Puch, ORF

Alles andere als harmlos

Fast bei jedem Bachmann-Wettbewerb gibt es ein bis zwei Texte, die man gerne als Roman in Händen halten würde, so auch heuer.

Zufällig kam ich vergangenen Dienstag (25.06.2019) in den Genuss, mir eine Dokumentation über Gespenster in der Mediathek von arte anzuschauen. In der Dokumentation ging es um Gespenster in alten schottischen Schlössern, wann sie die Literatur eroberten, wie Spiritisten versuchten, das Unerklärliche mit den Wissenschaften zu vereinbaren und es wurde der Frage nachgegangen, inwiefern jeder seine eigenen Gespenster in sich trägt. Freilich ahnte ich da noch nicht, dass die österreichische Schriftstellerin Sarah Wipauer während der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur „Raumstation Hirschstetten“ am Donnerstag Morgen (27.06.2019) vortragen würde, worin Gespenster in all ihren Facetten dargestellt werden.

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Das Ehepaar Maria Christine und Clemens von Pirquet beziehen Ende des 19. Jahrhunderts das Schloss Hirschstetten. Clemens gilt als hilfsbereit, hingegen wird seine Ehefrau nicht gerne gesehen, selbst in den Gazetten wird sie verunglimpft. Nachdem ihr gemeinsames Kind gestorben war, begehen die beiden am 28. Februar 1929, ein gutes halbes Jahr vor dem „schwarzen Freitag“, Selbstmord. Die Schmähung von Maria Christine geht gar soweit, dass ihr Name auf dem Grabstein nicht erscheint, ihres Mannes sehr wohl und das, obwohl sie sich das Grab teilen. Während sie schon zu Lebzeiten zu einem Gespenst wird, gehen die beiden anderen den klassischen Weg, sie sterben zuerst. Clemens sowie sein Bruder Guido transformieren sich erst dann zu Gespenstern.

Sarah Wipauer weiß, womit man Leser*innen begeistern kann. Die Handlung hat Tempo, Spannung, lässt Realität und Fiktion verschmelzen. Verschmelzung von Realität und Fiktion? Da war doch was. Clemens J. Setz hatte sich in seiner 20. Klagenfurter RedeKayfabe und Literatur“ ausführlich dazu geäußert, Stichworte wie Storyline und die Vierte Wand fallen einem wieder ein. Auf der Raumstation wird dies besonders deutlich. Einerseits hausen die drei Gespenster darin, andererseits kann deren Existenz niemals nachgewiesen werden, da genau der Teil zur Vorbereitung der Landung auf der Erde abgesprengt wird und als die Rakete am 20. Dezember 2018 mit dem Astronauten Alexander Geerst und seinen Kollegen von ihrer Mission zurückkehren, verglüht dieser Teil im All.
     Die Spannung wird unter anderem durch den Wechsel der Erzählperspektiven erzeugt. Anfangs ist es die auktoriale, wechselt dann zum personellen, zum Schluss hin ist es wieder der auktoriale Erzähler. Zwischendurch nimmt Maria Christine die Erzählperspektive ein.

Ihre Story ist so spannend, dass ich gerne mehr über die drei Protagonisten erfahren möchte, mehr über das Leben des Ehepaars, bevor sie Selbstmord begingen, mehr darüber, ob Maria Christine tatsächlich solch ein Drachen war, wofür sie gehalten wurde.

Klaus Kastberger hat Sarah Wipauer zum Bachmann-Wettbewerb eingeladen. Aber nicht nur er konnte sich für diesen Text begeistern, er traf fast bei allen Juroren auf Zustimmung.

© read MaryRead 2019

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