Bachmann-Wettbewerb 2019: „Urmünder“ von Katharina Schultens

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019, Klagenfurt, Österreich

43. Tage der deutschsprachigen Literatur – Ingeborg Bachmannpreis 2019, Katharina Schultens, 1. Wettbewerbstag │© Johannes Puch, ORF

Komplex ist gerade gut genug

Aus der Philosophie kennt man das: Schwer zugängliche Texte genießen meistens Anerkennung, besonders jene, die viele ungewohnte Begriffe beinhalten, deren Satzkonstruktionen so komplex sind, dass man sie nur mit großem Aufwand aufschlüsseln kann. Analysiert man solche Texte, entpuppen sie sich häufig als Bullshit, wenn überhaupt, sind nur Teile davon brauchbar. Deswegen gibt es in der Philosophie das ungeschriebene Gesetz: desto unverständlicher ein Text daher kommt, desto mehr ist Vorsicht geboten. Doch leider möchten sich viele mit ihrem vermeintlichem Intellekt schmücken, zitieren aus Texten, die sie nicht annähernd verstanden haben, nur, um nicht zugeben zu müssen, dass ihnen der Text wie böhmische Dörfer vorkommt. Dabei würde es von Größe zeugen, wenn man dazu steht, dass man nichts verstanden hat.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Philosophie wenden wir uns der Literatur zu. Den Auftakt zum diesjährigen Bachmann-Wettbewerb 2019 machte die deutsche Schriftstellerin Katharina Schultens mit ihrem Romanauszug „Urmünder“. Zuletzt wurde sie am 26. Januar 2019 mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichnet.
     Die Protagonistin des Romanausschnitts ist Emilia Habekus, doch so wird sie schon lange nicht mehr genannt, stattdessen rufen die einen sie mit dem Namen Amata Habekus, die anderen nennen sie Gärtnerin Habekos. Sie ist Botanikerin, legt besonderen Wert auf die „erste katholische Botanikerin unter den Berliner Universitätspräsidenten“ (Seite 1) zu sein.
    
Der Roman ist als Science-Fiction angelegt, es sind die Jahre zwischen 2184 und 2196. Klar, die Uhren werden in der Zukunft anders ticken. Katharina Schultens erzählt über Genmanipulation am Menschen, die aber keine Menschen im herkömmlichen Sinne mehr sind sondern Chimären. Die Gesellschaft akzeptiert Mehr-Ehen, Emilia Habekos ist mit dem Mann Bianciardi und mit der Frau Marya Kuzmich liiert, mit der letztgenannten hat sie gemeinsam ein Kind.
    
Aufgebaut ist der Auszug aus lyrischen Sequenzen. Üblicherweise trifft man in der Lyrik auf Symbole, Metaphern und Co, so auch in dem diesem Ausschnitt. Jedoch sollte man sich nicht auf herkömmliche Interpretationen von solchen Anwendungen verlassen.
    
Die Prosa ist sehr vielschichtig, um sie wirklich erfassen zu können, ist ein solides Wissen über das Alte Testament, über die Liturgie in der katholischen Kirche, über Literatur diverser Epochen, über Zahlensymbolik und nicht zuletzt helfen einem Kenntnisse über Flora und Fauna weiter.

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Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell in die Situation komme, in der ich eine Ansicht von Marcel Reich-Ranicki teilen werde. Der umstrittene Literaturkritiker sprach davon, dass ein Roman in erster Linie unterhalten muss. Dem schließe ich mich nun an. Natürlich können und sollen Romane anspruchsvoll sein, auch vielschichtige Romane haben ihren Reiz wie der historische Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco oder „Das Parfum“ von Patrick Süskind.
     Komplexität und Vielschichtigkeit haben in einem Roman dort ihre Grenzen, wenn sie nur dann zu erfassen sind, wenn man ein enormes Wissen mitbringt und ein gutes Lexikon neben sich liegen haben muss.

Zu den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur wurde Katharina Schultens von Insa Wilke eingeladen. Nicht nur sie äußerte sich sehr positiv über den Text, auch die anderen Juroren waren begeistert. Damit wird mit einem Klischee aufgeräumt, dass die ersten Autor*innen beim Bachmann-Wettbewerb schlechte Chancen hätten, in die engere Wahl für einen der Preise gezogen zu werden.

© read MaryRead 2019

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