Bachmann-Wettbewerb 2019: „Unweit vom Schakaltal“ von Julia Jost

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019, Klagenfurt, Österreich

43. Tage der deutschsprachigen Literatur – Ingeborg Bachmannpreis 2019, Julia Jost, 1. Wettbewerbstag │© Johannes Puch, ORF

Schade, schade, schade

Wieder geht es beim Bachmann-Wettbewerb darum, wie ein harmloses Messer aus dem Dritten Reich tief in das Familiengeschehen eingreift und nachhaltig verändert, so ähnlich äußerte sich Nora Gomringer über die Vortragende vom letzten Text Der Wod“ von Silvia Tschui. Und doch ist im Vergleich zu Julia Jost alles ganz anders. „Unweit vom Schakaltal“ hat drei zentrale Schauplätze: Sakristei in Tirol, das Schakaltal (ein Dorf in Kärnten) und der Handlungsort am Brunnen.

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In der Sakristei wurde Franzi vom örtlichen Pastor sexuell missbraucht, seine Mutter sieht das zufällig, packt die Sachen und zieht mit ihm nach Kärnten. In Kärnten wird Franzi ein weiteres Mal sexuell missbraucht, dieses Mal von den Geschwistern und Offizierssöhnen Lukas und Ludwig. Der Großvater von den Offizierssöhnen besitzt ein Messer aus dem Dritten Reich. Eines Tages entwenden sie das Messer und beginnen ein merkwürdiges Spiel, eines, was aus Kinderlaune heraus öfters geschieht. Die Ich-Erzählerin soll ihre Hand gespreizt auf den Tisch legen, dann soll einer der beiden mit der Messerspitze zwischen die Finger hauen, das Tempo wird im weiteren Verlauf gesteigert. Dabei wird der Ringfinger der Ich-Erzählerin abgetrennt. Bis hierhin geht der Plot auf, doch nun wird gedichtet, fantasiert was das Zeug hält, die Logik wurde von der Autorin vor der Tür abgestellt. Anstatt dass sich die Kinder um die Ich-Erzählerin kümmern, denkt sie darüber nach, in welchem Bogen das Messer in den naheliegenden Brunnen gefallen sein könnte, nachdem sie im Affekt dem Jungen das Messer aus der Hand schlug, als er ihren Finger von der Hand abgetrennt hatte. Noch kurioser wird es, als Franzi gezwungenermaßen in den Brunnen hinabsteigt um das Messer zu finden. Es wird nämlich befürchtet, dass der Großvater der beiden Offizierssöhne erzürnt sein könnte, wenn er bemerkt, dass sein Messer verschwunden ist. Franzi fällt kopfüber in den Brunnen. Man ruft den Arzt und die Feuerwehr herbei. Die Feuerwehr versucht den Jungen aus dem Brunnen zu holen, derweil kümmert sich der Arzt um die anderen Kinder, er untersucht sie sogar, doch er entdeckt nicht, dass der Ich-Erzählerin ein Finger fehlt. Die Feuerwehr muss den Brunnen erweitern, weil der so eng ist und sie ansonsten Franzi nicht aus dem Brunnen gezogen bekommen. Und wie durch Geisterhand steckt das Messer im Bauch des Jungen, wohlgemerkt, er ist kopfüber hineingefallen. Das sind aber noch längst nicht alle Widersprüche. Mal ist die Ich-Erzählerin eine Halbwaise, kurz danach berichtet sie vom Handeln des Vaters und der Mutter in der Gegenwart. Zum Schluss wird sie von ihrem Vater nach Hause getragen, ohne das sich irgendjemand noch um ihren verlorenen Finger kümmert. Mit all dem wird der gesamte Text sehr unglaubhaft, verdirbt einem die Laune beim Lesen.
     All diese brutalen Geschehnisse beginnen mit dem betrachten eines Klassenfotos aus dem Jahr 1989. Mit humorvoller Sprache wird erzählt, man spürt es fast körperlich, dass hier nichts zusammenpasst, die Sprache spiegelt nicht die Grausamkeiten. Das ist jedoch kein Manko, im Gegenteil, damit hat die österreichische Schriftstellerin sehr sauber das diametrale Geschehen herausgearbeitet, genau das, was viele Opfer ertragen müssen. Zuerst werden sie missbraucht, anschließend wird es entweder totgeschwiegen oder verharmlost. Wenn sie die Logik nicht so dermaßen außer Acht gelassen hätte, könnte es eine sehr raffinierte Story sein.

In der anschließenden Diskussion kritisierten einige Juroren die unlogischen Sachverhalte, Klaus Kastberger, der die Autorin zu den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur einlud, ist – Überraschung – vom Text sehr angetan. Letztendlich sind die Juroren jedoch geteilter Meinung, die Anwendung der Sprache finden sie alle gut, bei der Handlung scheiden sich die Geister.

© read MaryRead 2019

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