„Kleiner kaukasischer Divan. Von Georgien erzählen“ von Adolf Endler

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Stadtzentrum Tbilisi (Tiflis) │Collage: made by © read MaryRead

Auch das Ungeschriebene ist ein Statement

Bevor man den letzten Satz des Buches „Kleiner kaukasischer Divan“ von Adolf Endler gelesen hat, packt einen die Sehnsucht, man möchte lieber heute als morgen nach Georgien reisen, um dieses spannende Land kennenzulernen.

Adolf Endler und Rainer Kirsch waren Ende der 1960er Jahre für mehrere Monate in Georgien, lernten Land und Leute kennen, gruben sich tief in die georgische Literaturgeschichte ein. Eindrücklich beschreibt Adolf Endler die vielschichtige Kultur, die offenbar zwischen Leichtigkeit und Melancholie pendelt. Die Melancholie kommt einem irgendwie bekannt vor, einige russische Schriftsteller waren dem verfallen, man denke nur an Fjodor Dostojewski oder Lew Tolstoi.
     Als die beiden Schriftsteller in Georgien ankamen, war es Frühsommer, die Sonne meinte es gut mit ihnen. Zugleich erinnert sich Adolf Endler an die Zeit des Zweiten Weltkriegs, etliche deutsche Soldaten waren in Georgien stationiert, georgische Literatur hatte hierzulande Hochkonjunktur.

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Die beiden Autoren brachen im Auftrag des DDR-Politbüros nach Georgien auf, literarische Werke sollten erfasst und ins Deutsche übertragen werden. Auch wenn es an keiner einzigen Stelle im Reisebericht erwähnt wird, so kann man sich dennoch lebhaft vorstellen, dass es mindestens einen triftigen Grund für die damaligen Ostblock-Politiker gegeben haben muss und tatsächlich wird man schnell fündig: Josef Stalin stammte aus Georgien. Bevor er in den Kreml einzog und als Despot regierte, schrieb er Gedichte. Bemerkenswert ist, dass weder diese Tatsache noch der Name Josef Stalin erwähnt werden. Auch das Ungeschriebene ist ein Statement. Anderes wird von Adolf Endler sehr wohl erwähnt, wie beispielsweise, dass die Hälfte der Georgier, die im Auftrag der Sowjetunion in den Krieg zogen, lediglich nur die Hälfte zurückkehrten.

Freiwillig“1aa kehrte Adolf Endler 1955 der BRD den Rücken, zog nach Leipzig, später nach Magdeburg. Nach anfänglicher Begeisterung für den Real-Sozialismus, dass sich in seinen Gedichten mit überschäumenden Lobeshymnen niederschlug, nahm er zunehmend die Schattenseiten des Regimes wahr, doch bis zum sichtbaren Bruch 1979 (Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR), reiste er nach Georgien.
     Für seinen Reisebericht ließ er sich Zeit, seine beiden Bände „Zwei Versuche, über Georgien zu erzählen“ erschienen 1976. Aber selbst dann war es für ihn nicht abgeschlossen, bis kurz vor seinem Tod arbeitete er immer wieder daran. Die beiden Versuche bestehen darin, seine ganz persönlichen Eindrücke vom Land von den georgischen Dichtern zu trennen, was freilich nur bedingt möglich war.
    
Ein Teil seiner Nachdichtungen sind in der Anthologie „Kleiner kaukasischer Divan“ abgedruckt. In den meisten Gedichten ist die Melancholie vorherrschend, zuweilen treiben sie einem Tränen in die Augen, Verse, die einem unter die Haut gehen und einem doch so fremd vorkommen. Ein Phänomen der gesamten georgischen Literatur sofern sie ins Deutsche übertragen wurden: Inhalte und Formen berühren einen, man glaubt, es nachvollziehen zu können, im nächsten Moment begreift man nichts mehr, nur um dann wieder eingefangen zu werden, sich von neuem berühren zu lassen.

Sicherlich haben sich die Herren im Politbüro was dabei gedacht, dass sie ausgerechnet Adolf Endler und Rainer Kirsch nach Georgien schickten.
     In den Anfängen seines literarischen Schaffens ahmte Adolf Endler einige Dichter nach, später übernahm er gar deren Haltungen. Demnach war er prädestiniert für die Reise nach Georgien und seine Nachdichtungen zeigen, dass er der Richtige für diesen Auftrag war. Rainer Kirsch und er verstanden sich schon vor dem Reiseantritt gut.
    
Nach der sogenannten Lyrik-Debatte von 1966, die sich durch das Gedichtband „In diesem besseren Land“ entzündete, geriet Rainer Kirsch in die Kritik. Sein Gedicht „Zeichnung“, welches in dem besagten Band abgedruckt war, wurde von etlichen Literaturkritikern an den Pranger gestellt, er konnte danach so gut wie keine eigenen Gedichte mehr veröffentlichen, stattdessen trat er nun vermehrt als Nachdichter auf, somit war auch er für den Auftrag geeignet.
    
Beiden Autoren kam der Auftrag zupass, konnten sie doch wenigstens für eine Weile der Enge der DDR entfliehen, wohl weislich, dass es sich nicht um irgendein Land handelt, überall sind Mienen, an denen man sich verbrennen kann. Der Essay über den georgischen Dichter Grigol Robakidse wurde 1976 zensiert, da dieser zeitweilig dem Nationalsozialismus nahe stand, in der Neuauflage vom Wallstein Verlag ist er enthalten.

Für die ausgesprochen gelungene Zusammenstellung der Anthologie „Kleiner kaukasischer Divan. Von Georgien erzählen“, eine Mischung aus Reisebericht, Literaturgeschichte und Nachdichtungen, scheint es, als hätte sich Adolf Endler tatsächlich freigemacht vom politischen Denken, liebevoll beschreibt er Land und Leute.

© read MaryRead 2018

► Rezension

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Von Georgien erzählen
Herausgeberin: Brigitte Schreier-Endler
Anthologie
gebunden
276 Seiten
Format (H x B x T): 216 x 136 x 22 mm
Gewicht: 428 g
erschien: 08.03.2018
Verlag: Wallstein
ISBN 978-3-8353-3263-8
Preis: 22,00 € (D), 22,70 € (A)

E-Book (PDF / D, A): 17,99 €

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Anmerkung:

1aa: „Freiwillig“: 1955 wurde Adolf Endler aufgrund von „Staatsgefährdung“ angeklagt, weil er für die Weltfestspiele der Jugend in der DDR geworben hatte. (vgl. Manfred Behn: Adolf Endler, Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Literatur, 94. Nlg., S. 2)


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